Einen überaus reichhaltigen Fundus an Einschätzungen und Erfahrungswerten hat das DLR-Cargobike- und Leichtfahrzeug-Projekt, dessen Ergebnisse – wie angekündigt - am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurden, für den Einsatz von Lastenrädern und elektrischen Leichtfahrzeugen in der Citylogistik zutage gebracht.

Dazu wurden Daten von über 100.000 gefahrenen Kilometern ausgewertet, die von Unternehmen und Transport-Anbietern mit diesen Fahrzeugen zurückgelegt wurden. Das Ergebnis laut dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und mehr als 40 Unternehmen aus Handwerk, Gewerbe und Logistik: Die Fahrzeuge, einschliesslich der elektrischen Leichtfahrzeuge, die unter dem Kürzel LEV rangieren, rechnen sich für Geldbeutel und Klima – wenn sie richtig eingesetzt werden.
Den Rahmen anpassen
Die Forschenden identifizierten sechs Punkte, die in der Praxis ausschlaggebend für den Erfolg waren bzw. sind. Online stehen seit einigen Tagen auch eine Checkliste für die Einführung und ein Tool bereit, um die Rentabilität zu berechnen. Nach einer Projektlaufzeit von vier Jahren war die Antwort nun ein klares Ja zu Lasten-Velos und LEVs. Sowohl wirtschaftliche Gründe als auch Vorteile für die Menschen in Städten, das Klima und die Umwelt sprächen für ihren Einsatz. Wichtig sei, dass die eingesetzten Fahrzeuge den individuellen betrieblichen Anforderungen angepasst werden.
Fotos: DLR
Das DLR-Team verfolgte die Fahrzeug-Bewegungen mit seiner mobilen Grossanlage «MovingLab» und führte zahlreiche Interviews mit den Nutzenden. So konnten die Forschenden detaillierte Erkenntnisse darüber gewinnen, wann und warum der Einsatz dieser Fahrzeuge erfolgreich sei – und welche Hürden es gibt.
Sechs Punkte für den Umstieg
«Unsere Daten zeigen, dass solche Fahrzeuge für Unternehmen wirtschaftlich sehr interessant sein können. Gleichzeitig haben sie grosses Potenzial, unsere Städte von Verkehrslärm, schädlichen Emissionen und Überlastung zu befreien. Sie sind aber keine Selbstläufer und müssen für jedes Unternehmen individuell ausgewählt und eingesetzt werden», fasst Johannes Gruber, Leiter des Projekts am DLR-Institut für Verkehrsforschung in Berlin zusammen. «Zum ersten Mal haben wir wissenschaftlich fundiert herausgearbeitet, was dabei die Erfolgsfaktoren sind, um Lastenräder und elektrische Leichtfahrzeuge dauerhaft in die Flotten von Unternehmen zu integrieren und zum Beispiel Pkw oder kleine Transporter zu ersetzen.»

Die Auswertung der Fahrtdaten und Interviews mit den Unternehmen ergab ein klares Muster: Firmen, die auch nach dem Test weiter auf Lastenräder und LEV setzten, haben einander ähnelnde Erfahrungen gemacht. Aus den «Best Practice»-Beobachtungen fasste das DLR eine Praxis-Checkliste mit sechs Punkten zusammen.
- Umsetzung als Transformationsprojekt: Lastenräder und LEV sind für die meisten Unternehmen neue Fahrzeugkategorien und benötigen die Bereitschaft zu Veränderungen. Viele Prozesse müssen angepasst, der Wandel muss aktiv gestaltet werden.
- Konkrete Szenarien festlegen: Im Projekt erfolgreiche Unternehmen hatten sich genau überlegt, für welche Fahrten sie die Testfahrzeuge nutzten – oder waren kreativ, neue Einsatzbereiche im laufenden Betrieb zu entdecken. Dabei half die Analyse der Fahrtprofile: Entweder konnten bestehende Fahrten eins zu eins auf Lastenräder und LEV verlagert werden oder sie wurden geschickt mit vorhandenen Transportern kombiniert. (…) Der Bereich zwischen acht und 18 Tages-Kilometer war besonders erfolgreich.
- Vorteile gezielt nutzen: Dazu gehören: das Vorbeifahren am Stau, das Nutzen von Abkürzungen, der Wegfall der Parkplatzsuche und kürzere Fusswege am Zielort. Die daraus resultierende Zeitersparnis hat es einigen der teilnehmenden Unternehmen ermöglicht, mehr Aufträge pro Tag zu erledigen.
- Alle Ebenen einbinden: Die Begeisterung der Mitarbeitenden für dies Fahrzeuge war ein elementarer Faktor. Dafür sollten sie möglichst früh eingebunden werden und Mitsprache bei der Auswahl der Fahrzeuge haben.
- Probefahrten im Berufsalltag: Ob ein konkretes Fahrzeugmodell passt, hänge von vielen Faktoren ab: zum Beispiel den zu transportierenden Gütern, der Reichweite der Batterie oder dem Fahrgefühl. Nur mit Probefahrten im Berufsalltag lasse sich die Eignung herausfinden.
- Vorteile individuell berechnen: Aufgrund ihrer niedrigen Betriebskosten – im Vergleich zu konventionellen Kraftfahrzeugen – eignen sich Lastenräder dazu, eine bestehende Flotte zu ergänzen, vor allem aber als Ersatz für gering ausgelastete kleinere Transporter oder Pw. Wenn ein Bestandsfahrzeug durch ein Lastenrad ersetzt wird, sind jährliche Einsparungen im drei- bis vierstelligen Bereich möglich.

«Was uns überrascht hat, war die grosse Bandbreite an Faktoren, wann für ein Unternehmen ein Nutzungsszenario ein voller Erfolg war: Manche Unternehmen nutzten das Lastenrad täglich mit Fahrleistungen von 30 Kilometern und mehr. Andere Betriebe waren mit vier Kilometern am Tag oder auch nur einem Einsatztag pro Woche bereits vollauf begeistert», sagt DLR-Forscher Gruber.
Online-Rechner
Für Unternehmen stellt das DLR umfassendes Material zur Verfügung, um wirtschaftlich tragfähige Entscheidungen bei Anschaffung und Einsatz von Lastenrädern und LEV treffen zu können: Ein Online-Rechner ermöglicht es, die Kosten von Lastenrädern und LEV mit konventionellen Fahrzeugen zu vergleichen. Dieses Tool berücksichtigt auch Unterschiede bei Geschwindigkeiten, Betriebskosten, Lohnkosten und den CO2 Ausstoss.

Die nun vorgelegte Langzeitstudie «Ich entlaste Städte 2» baute auf den Erkenntnissen eines vorangegangenen Projekts «Ich entlaste Städte (1)» auf, das von 2017 bis 2020 als grösster Lastenrad-Test Europas Erkenntnisse aus vielfältigen Einsatzszenarien sammelte.

















